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Volkskrankheit Parodontitis: Warum Zahnfleischbluten keine Bagatelle ist und wer die Behandlung bezahlt

Das wichtigste auf einen Blick:

Übersicht

Haben Sie beim Zähneputzen manchmal Blut im Waschbecken? Wirken Ihre Zähne optisch länger oder reagieren sie empfindlich auf Kaltes? Das könnten Warnsignale sein.

Parodontitis (im Volksmund oft „Parodontose“ genannt) ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit. In Deutschland leiden etwa 10 Millionen Menschen an einer schweren Form. Das Tückische: Die Krankheit verläuft oft lange Zeit schmerzlos.

Als Ihre Zahnarztpraxis ist es uns wichtig, Sie nicht nur medizinisch, sondern auch organisatorisch aufzuklären. In diesem Blogartikel erfahren Sie, wie die moderne Behandlung abläuft und wie sich die Kostenübernahme seit der neuen Gesetzesänderung für Sie verbessert hat.

Was ist Parodontitis eigentlich? (Der medizinische Hintergrund)

Viele Patienten verwechseln eine Zahnfleischentzündung (Gingivitis) mit einer Parodontitis.

  • Gingivitis: Das Zahnfleisch ist durch Bakterien entzündet, gerötet und blutet. Dies ist meist durch gute Hygiene reversibel (heilbar).
  • Parodontitis: Die Entzündung ist tiefer gewandert und hat den Zahnhalteapparat angegriffen.

Was passiert genau? Bakterien sammeln sich zwischen Zahn und Zahnfleisch. Es bilden sich sogenannte Zahnfleischtaschen. In diesen „Nischen“ vermehren sich aggressive Keime, die Sie mit der Zahnbürste nicht mehr erreichen können. Das Immunsystem reagiert mit einer Entzündung, die leider auch den eigenen Kieferknochen abbaut. Die Folge: Der Zahn verliert seinen Halt, lockert sich und fällt im schlimmsten Fall aus. Zudem gelangen die Bakterien in die Blutbahn und erhöhen das Risiko für Herzinfarkte, Diabetes und Rheuma.

Die Behandlung: Ein neues Konzept (Die „PAR-Strecke“)

Seit Juli 2021 gibt es in Deutschland eine neue Richtlinie für die Behandlung gesetzlich Versicherter. Wir Zahnärzte sprechen nicht mehr von einer einmaligen Maßnahme, sondern von einer Therapiestrecke, die über zwei Jahre läuft. Das Ziel ist es, die chronische Erkrankung dauerhaft zu stoppen.

Der Ablauf in unserer Praxis sieht meist so aus:

Schritt 1: Das offene Gespräch und die Vorbehandlung

Zunächst stellen wir die Diagnose (Messen der Taschentiefen). Bevor die eigentliche Kassen-Behandlung startet, muss oft die Mundhygiene optimiert werden. Entzündungsfreiheit ist die Voraussetzung für den Erfolg.

Schritt 2: Der Antrag

Wir erstellen einen Parodontalstatus (einen genauen Plan aller Taschen) und reichen diesen bei Ihrer Krankenkasse ein. Sobald die Genehmigung da ist (meist sehr schnell), geht es los.

Schritt 3: Die Anti-Infektiöse Therapie (AIT)

Das ist die eigentliche „Hauptbehandlung“. Unter örtlicher Betäubung reinigen wir sanft, aber gründlich die Wurzeloberflächen tief unter dem Zahnfleischsaum. Wir nutzen dafür spezielle Ultraschallgeräte und Handinstrumente (Küretten), um den Biofilm und harten Zahnstein (Konkremente) zu entfernen.

Schritt 4: Die Erhaltungstherapie (UPT) – Das ist neu!

Früher war nach der Reinigung Schluss. Heute zahlt die Kasse eine strukturierte Nachsorge über zwei Jahre. Je nach Schweregrad der Erkrankung sehen wir uns alle 3 bis 6 Monate zur UPT (Unterstützende Parodontitistherapie). Hier werden die Zähne erneut kontrolliert und gereinigt. Dies ist ein entscheidender Baustein, um einen Rückfall zu verhindern. Die UPT begleitet Sie daher langfristig und ist ein lebenswichtiger Bestandteil der Parodontitistherapie. Die Abstände der Termine werden dabei individuell an Ihre persönliche Situation angepasst.

Was zahlt die Krankenkasse (GKV)?

Hier gibt es gute Nachrichten. Die gesetzlichen Krankenkassen haben erkannt, wie wichtig der Zahnerhalt ist.

  • Die Hauptbehandlung (AIT): Wird bis zu 100 % übernommen. Es fällt keine Praxisgebühr an.
  • Die Nachsorge (UPT): Auch diese regelmäßigen Termine über einen Zeitraum von zwei Jahren werden von der Kasse übernommen. Anschließend kann die weitere UPT je nach individueller Situation als Privatleistung fortgeführt werden.
  • Anästhesie: Die örtliche Betäubung ist Kassenleistung.

Die Voraussetzung: Es müssen behandlungsbedürftige Zahnfleischtaschen mit einer Taschentiefe von ≥ 4 mm vorliegen. Eine aktive Mitarbeit des Patienten durch eine gute Mundhygiene unterstützt den langfristigen Therapieerfolg.

Was trage ich selbst? (Mögliche Zusatzkosten)

Obwohl die Kassenleistung sehr gut ist, gibt es Lücken und sinnvolle Zusatzleistungen, die privat abgerechnet werden müssen. Wir klären Sie darüber vor der Behandlung transparent auf.

A. Die Professionelle Zahnreinigung (PZR) als Vorbehandlung

Oft schreibt die Richtlinie vor, dass der Patient eine gute Mundhygiene nachweisen muss, bevor der Antrag gestellt wird. Die Entfernung von sichtbarem Zahnstein und weichen Belägen oberhalb des Zahnfleischrandes in einer separaten Sitzung vor Antragstellung ist oft keine Kassenleistung.

B. Mikrobiologische Tests (Bakterientest)

Bei sehr aggressiven Verlaufsformen kann es sinnvoll sein, genau zu bestimmen, welche Bakterien die Entzündung verursachen, um ggf. gezielt ein Antibiotikum einzusetzen. Dieser Labortest ist meist keine Kassenleistung.

C. Zusätzliche Desinfektionsverfahren (Laser / PACT)

Um die Bakterien in den tiefen Taschen noch effektiver abzutöten, ohne Antibiotika nehmen zu müssen, bieten wir moderne Verfahren an, wie z. B. Laser-Desinfektion oder die Photodynamische Therapie. Diese Methoden sind sehr schonend, aber reine Privatleistungen.

D. Knochenaufbau (Regenerative Therapie)

Wenn der Knochen bereits tiefe Krater gebildet hat, reicht Reinigen manchmal nicht. In speziellen chirurgischen Eingriffen kann man versuchen, den Knochen mit Ersatzmaterialien wieder aufzubauen. Dies gehört nicht zur Standard-Kassenleistung.

Besonderheiten bei Privaten Kassen (PKV) und Zusatzversicherungen

Sind Sie privat versichert oder haben eine Zahnzusatzversicherung?

  • PKV: In der Regel werden Diagnostik, Therapie, Laserbehandlungen und Knochenaufbau erstattet. Es hängt jedoch von Ihrem individuellen Tarif ab.
  • Zusatzversicherung: Gute Tarife übernehmen die Kosten für die „Vorbehandlung“ (PZR) und oft auch für die Zusatzleistungen wie Laser oder Bakterientests, die die GKV nicht zahlt. Ein Blick in die Police lohnt sich!

Fazit: Keine Angst vor der Behandlung

Die moderne Parodontitis-Therapie hat nichts mehr mit den „brutalen“ Methoden von früher zu tun. Sie ist mikro-invasiv, meist schmerzarm und extrem effektiv.

Das Wichtigste zum Mitnehmen:

  1. Parodontitis ist behandelbar. Wir können den Prozess stoppen und Ihre Zähne retten.
  2. Die Kasse zahlt heute mehr denn je. Die neue Nachsorge (UPT) ist ein Geschenk des Gesundheitssystems, das Sie unbedingt nutzen sollten.
  3. Eigenanteile sind überschaubar. Meist beschränken sich die Kosten auf die Vorreinigung oder spezielle Zusatzwünsche.

Zögern Sie nicht, uns bei Zahnfleischbluten, Mundgeruch oder lockerem Zahnfleisch anzusprechen. Je früher wir eingreifen, desto einfacher ist die Behandlung.

Öffnungszeiten

Montag 08:00 – 12:30 und 14:00 – 18:00 Uhr
Dienstag 08:00 – 15:00 Uhr
Mittwoch 08:00 – 12:30 und 14:00 – 18:00 Uhr
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